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Jahreswende 1914/15 von Karl Stamm

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Karl Stamm
Jahreswende 1914/15


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     Dichter . R/Z . Karl Stamm


Jahreswende 1914/15

anlässlich der Sylvesterfeier des Bataillons 70/II.

Auf Europas kampfdurchtobte Felder
senkt sich schwer des Jahres letzte Nacht.
Dumpfe Glocken sind die Totenmelder,
banges Raunen, Flüstern durch die Wälder,
und in ungewisser Miene
jedes Auge wacht.

Plötzlich welch ein Tönen durch die Stille!
Näher kommt es! Aufruhr und Geschrei!
Immer lauter schlägt es an mein Ohr,
jetzt quillt's lebendig aus dem dunkeln Tor!
Ist's Wahrheit? Oder ist es Sinnentrug?
Vor mir bewegt sich hin ein Leichenzug.
Zehn Träger schultern fest die Totenbahre,
darauf ein Greis, ein Riesenleichnam, ruht,
gefolgt von angetrunknem Pöbel mit Gejohl.
Aus ihrem Aug' blickt der Verzweiflung Wut.
Und zu der trunknen Menge tret ich hin
und frage einen: Sagt! Wo geht ihr hin?
Im Weitergehen rief da einer aus der Schar:
"Du Tor! Wir scharren ein das alte Jahr!"
Drauf ich: "Das könnet, dürft ihr nicht! Es lebt ja noch!"
Ein andrer rief: "Du Narr! Wir tun es doch!"
Hast du denn nicht genug von seiner Qual?
Bist du ein Freund von Mördern und Verbrechern?
Wer machte unsre Augen hohl? Die Wangen schmal?
Wer raubte mir den Bruder? Wer mein Kind?
Und wer den Bräutigam mir?
Wer machte ganze Völker denn zum Tier?
Woher das Elend? Und woher die Not?
Wer raubte höhnisch unser täglich Brot?
Komm mit uns! Arm in Arm! - Sei doch kein Wicht!
Die Menschheit kommt! Die Menschheit hält Gericht!

Und wie im Traume ging ich mit.
Wir stapften durch die Felder Schritt um Schritt.
Die Schreier warden kleinlaut. Kaum ein Wort
ging durch das Volk. Und mancher drückt sich fort,
der nie an einem Sterbebett gestanden,
dem Furcht und Zagen jetzt die Hände banden.

Auf einem Hügel hielt der Leichenzug.
Die Träger setzten ihre Bahre ab,
und schon bereitet war das kühle Grab.
Jedoch die Totengräber zauderten:
Noch regte sich die riesige Gestalt.
Noch übte sie auf alle Gottgewalt.
Erschütternd klang das Trauerglockenheer,
der Töne Flut schwoll an zum wilden Meer!
Plötzlich des Himmels Wolkenvorhang reisst!
Vernehmbar wird der Weltengeist!
Ergriffen sich die Menschen alle neigen
und auch die frechsten Kerle müssen schweigen.
Im Todesröcheln halt es durch die Nacht,
das Herz erlösend, rein: "Es ist vollbracht!" -
Und Stille ringsumher. - Es steht die Zeit. -
Alle fühlen tiefe Ewigkeit. -

Und wie das Unerforschliche geschah,
da drängte sich ein Knabe in den Ring.
Von Licht umflossen war die Wohlgestalt.
Und ausgerüstet mit des Geist's Gewalt
drängt er sich lautlos in die stille Schar.
Da wird des toten Bruders er gewahr,
tritt leise hin und reicht ihm seine Hand:
die Hand, sie wird vom Blute rot! ...
Der Knabe zuckt, als fühlte er den Tod ...
Und einer aus der Menge ihn erkennt,
die Menge flüsternd einen Namen nennt
und plötzlich, mit entstelltem Angesicht,
ruft einer, sich befreiend, jetzt das Wort:
"Das Neue Jahr beginnt mit Blut und Mord!
Weh uns! Weh uns! Zuviel für unsere Kraft!
Kein Gott ertrüge dieser Ketten Haft!"
Jedoch der Knabe tut, als hört' er's nicht.
Nur leuchtender umspielt ihn jetzt das Licht.
Auf einmal tönt es tief und silberhell,
vor seinen Füssen springt empor ein Quell,
durchwirkt von einem wunderbaren Schein.
"Ich bin nicht schuld! Die Hände wasch ich rein."
Der Knabe sprach's. Kaum war verhallt das Wort
da pflanzte sich ein Brausen durch die Menge fort:
"Gesellen auf! Ein neues Jahr bricht an!
Trompeter, spielet auf mit aller Kraft!
Weg mit dem Trauerflor! Lasst bunte Wimpel wehn!
Wir wollen singend seinen Einzug sehn!"

Hei! Ward der schwere Schritt zum Wiegeschweben!
Durch alle Pulse glühte neues Leben!
Juchschrei ward laut. Es formte sich der Zug
stets zwei um zwei. Und lichte Freude trug
sie wie auf Händen.
Kaum empfand die Erde ihren Schritt,
der Glaube und die Hoffnung zogen mit
und auch der Pöbel schloss sich wieder an.
Gesang ward laut. Die Stille brach den Bann:
Goldglockentöne quollen aus der Tiefe.
Und alle Kämpfer, die das Jahr erschlagen
und alle, die des Todes Kuss ertragen,
sie wachen auf und sprengen ihre Gräber:
"Wer ruft uns auf? Was soll das Festgeläut?
Ist Tag und Licht? Ist Auferstehung heut?"
Und ehern die gewaltigen Himmel dröhnen!
Die Sterne stimmen ein in höchsten Tönen
nach ihres Schöpfers Machtgebot
Jetzt redet Gott! -

Da wach ich auf aus meinem Traum.
Des neuen Tages Glocken beben durch den Raum.
Der ersten Stunde kühler Frühwind weht.
Durch meine Seele süsses Ahnen geht:
Sei mir gegrüsst, du herrliches Geläut!
Ich weiss, in deinen Harmonien,
in deinen Jubelmelodien
der Weltgeist sich erneut.









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Gedicht zu Silvester: "Jahreswende 1914/15" von Karl Stamm