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Zum neuen Jahr 1824 von Ludwig Tieck

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     Dichter . R/Z . Ludwig Tieck


Zum neuen Jahr 1824

   Leer stand das Haus der Lieder und Gesänge,
Die muntern Scherze schwiegen,
Kein Festzug mehr, kein feierlich Gepränge,
Wo sonst Gespräch und Lachen, froh Gedränge,
Da sieht man schweigend liegen
Den stummen Raum, die leeren Hallen,
Wo weder Leid noch Freudentöne schallen.

   Und draußen steht mit eisbehangnem Barte
Der strenge Winter kalt im weißen Kleide,
Und Frosteszacken blinken wie Geschmeide
An Hals und Brust: das streng bewahrte
Gefilde kahl, die Berge leer, die Bäum' entlaubt,
Der Frucht, des Grüns, der Blüthen all beraubt.

   Soll denn die Welt in Trauer so verharren?
Kein Frühlingswehn die Schläfer wecken?
Die Bäche, die dem rauhen Zwang erstarren?
Die Zweige, die sich dürr in kalte Winde strecken?
Ja, fern entflogen
Ist jene leicht beschwingte Menge,
Die ihre Waldgesänge
Ertönen ließ im Wiederklang der Wogen.

   Das war ein weiser Sinn in unsern Alten,
Die uns so viel in Scherz wie Ernst belehrt,
Daß, wenn das Feld mit Blumen nicht verkehrt,
Die Wälder laublos, und verjagt von kalten
Und wilden Stürmen Lerch' und Nachtigallen,
Wir in die Winterhallen
So Lust wie Scherz, Musik und Lachen laden,
Daß Frohsinn dann und Uebermuth hier schalten,
Und Herz und Geist im Jugendbrunn sich baden.
Da schlägt beim Lichtschein dann im Zauberhaus
Der Wald in Grün, die Flur in Blumen aus,
Den Schmerzen, Liebesklagen
Hört man ein zärtlich Echo Antwort sagen,
Die Vorzeit tritt aus ihren Kammern mächtig,
Die Heldenschaar, im Untergang noch prächtig;
In Lüften sieht man Liebesgötter schaukeln,
Wenn fratzenhaft, bald lachend, bald verdrossen,
In bunten, leichten Possen
Anmuth'ge Masken unten drehn und gaukeln.

   So irrt' ich jüngst im stillen nächt'gen Dunkel
Zum Pallast, den die Täuschung sich, die frohe
Lachlust'ge Göttin, baut: - wie Feuerlohe
Erblitzte durch die Finsterniß Gefunkel,
Es tös'te, murrte, klirrte,
Ein kichernd Lachen, schluchzend Weinen schwirrte,
Ein Streiten dann und Zanken -
Ich trat hinein, erstaunt, voll ahndender Gedanken.

   Und Geisterchen in aller Farben Glanze
Durchwütheten im bunten Schwarm die Räume,
Wie losgelaßne Träume
Ertummelte das Koboldheer im Tanze,
Sich schwenkend, springend, taumelnd, Kreise ziehend,
Sich suchend jetzt, dann fliehend,
Vereint zum dichten Kräusel bald, dann klingend,
Wie lichte Funken, aus einander springend.

   Und edle Geister saßen hoch auf Thronen,
Und schauten ernst ins scherzende Gewimmel,
Wie aus der Weisheit Himmel
Herabgeschwebt, so glänzten unter Kronen
Die tiefen dunkeln Blicke,
Ihr Wort, die mächtige Geberde
War nicht von dieser Erde,
Erhoben über Leid wie Lebensglücke.

   Da rief ein Elfe: was du hier gefunden,
Das sind die künft'gen Spiele,
Die sich hier üben schon in nächt'gen Stunden:
Wir alle, liebend eng verbunden,
Wettlaufen nur nach Einem Ziele,
Durch Kunst und Scherz, Gesang und Saitenspiele,
Frohsinn und Ernst die Winterlust erbauend,
Und unsrer Freunde edlem Sinn vertrauend,
Daß, wenn sich wieder öffnet diese Halle,
Sie gern getäuscht uns nahen, wenn wir alle
Der altgewohnten Liebe wieder huldigen,
Und, wo wir irr'n, mit Freundlichkeit entschuldigen.









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Neujahrs Gedicht: "Zum neuen Jahr 1824" von Ludwig Tieck